Olaf Goldstein M.A. / Stuttgart und Online
HEILBRONN 1734/35 – Archäologie und Geschichte eines spektakulären Funds
Ein Vortrag im Rahmen unserer Vortragsreihe 2026/27 in Stuttgart: "Archäologie der Moderne".
Immer mehr Grabungen untersuchen Fundstellen aus dem 18., 19. oder 20. Jahrhundert. Die Archäologie der Moderne trägt dieser Arbeit Rechnung und erforscht den Zeitraum vom Beginn der Industrialisierung bis zur Gegenwart. Anders als in früheren Epochen gibt es zusätzlich weitere Überlieferungen. Daher werden archäologische Bodenfunde aus diesem Zeitraum in einem Zusammenspiel mit anderen materiellen Quellen sowie mit bildlichen und schriftlichen Zeugnissen, audiovisuellen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen auf ihren spezifischen Aussagewert hin analysiert.
Olaf Goldstein M.A. ist Fachreferent für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege, Esslingen.
Anlässlich eines Erweiterungsbaus des Heilbronner Technikmuseums experimenta führte das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in den Jahren 2015/2016 Rettungsgrabungen im Bereich zwischen dem Wilhelmskanal im Westen und einem Neckaraltarm im Osten durch.
Den eigentlichen Anlass der Grabungen bildeten die über Archivalien nachweisbaren zwölf Mühlen aus vorindustrieller Zeit im Bereich Hefenweiler/Kraneninsel, von denen vier ehemals im Bereich der experimenta-Erweiterung lagen. Der archäologische Fokus lag hierbei auf der Wasen- bzw. Brückenmühle aus dem 14. Jh., die bis in das 17. Jh. zu den größten Getreidemühlen in Heilbronn zählte und deren relativ gute Bild- und Schriftüberlieferung vor allem für die Neuzeit in wesentlichen Punkten ergänzt werden konnte. Noch ergiebiger waren die Befunde zur Bauentwicklung und Siedlungsstruktur vom 18. bis 20. Jh., bei der es sich vor allem um die Reste von Gewerbe- und Wohnbauten der Firma Carl Hagenbucher & Sohn handelte, die durch dendrochronologische Untersuchungen zum Teil noch jahrgenau datiert werden konnten.
Ein weiterer Schwerpunkt der Grabungen und gleichzeitig Beleg für die seit dem Spätmittelalter wachsende Bedeutung der Kraneninsel ist der Aspekt der Baulandgewinnung, der in den Bild- und Schriftquellen nicht dokumentiert und somit ausschließlich archäologisch nachweisbar ist. Während die Situation ab dem 15. Jh. vor allem anhand der Uferbefestigungen aus Stakenhölzern nachvollzogen werden konnte, hat man das Neckarufer ab der 2. Hälfte des 18. Jh. mit massiven Mauern aus Sandsteinquadern befestigt, die sich zum Teil noch im archäologischen Befund erhalten hatten.
Ein dritter Aspekt ließ sich in Gestalt eines Befunds fassen, der archäologisch in dieser Form bislang einzigartig ist: So wurde in ca. 5 m Tiefe eine hölzerne Konstruktion von gut 18 m Länge und 15 m Breite ergraben, deren Baubeginn durch eine engmaschige Beprobung der Bauhölzer in die Jahre 1734/35 datiert werden konnte. In der Aufsicht ähnelt die Anlage den Schiffsschleusen mit zweiflügeligen Stemmtoren, jedoch war die Heilbronner Konstruktion komplett aus Holz errichtet worden. Gegen diese Deutung sprach der ungünstige Winkel, in dem das Konstrukt zum Verlauf des Neckars stand – die daraufhin durchgeführten Recherchen des Heilbronner Stadtarchivs ergaben dementsprechend ein ganz anderes Bild ... Lassen Sie sich überraschen.
Insgesamt haben die Rettungsgrabungen auf der Heilbronner Kraneninsel damit nicht nur neue Einblicke in die Wirtschafts- und Stadtgeschichte gewährt, sondern belegen im Hinblick auf die Quellenlage vor allem zweierlei: Trotz einer zum Teil guten Bild- und Schriftquellenlage muss nicht zwangsläufig alles Wesentliche bekannt sein, umgekehrt ist ohne ergänzende Bild- und Schriftquellen die Gefahr einer Fehlinterpretation relativ groß. Die Mittelalter- und vor allem die Neuzeitarchäologie sind häufig in der komfortablen Situation, mehrere Quellengattungen befragen zu können – in Heilbronn hat es sich gelohnt!
Veranstalter: Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg e.V. in Kooperation mit dem Landesmuseum Württemberg
Ort: Landesmuseum Württemberg, Reinhold Würth Saal, Altes Schloss - Schillerplatz 6, 70173 Stuttgart und Online
Karte/Ortsplan: zum → Veranstaltungsort in OpenStreetMap
Beginn: 18.00 Uhr
Teilnahme: kostenfrei - um eine Spende zur Kostendeckung wird gebeten (Stichwort: Vortragsreihe Stuttgart)
Hinweis: Die Veranstaltung wird als Hybrid-Veranstaltung durchgeführt. Der Präsenzvortrag wird dabei zeitgleich als Live-Stream im Internet über ClickMeeting übertragen aber nicht aufgezeichnet.
Online-Anmeldung
Falls Sie nicht in Präsenz teilnehmen können, nutzen Sie möglichst bis 1 Tag vor Beginn des Hybrid-Vortrags das nachfolgende Formular für Ihre Anmeldung. Es enthält alle 5 Vorträge der Vortragsreihe. Sie erhalten automatisch eine Eingangsbestätigung mit einem Link und ggf. eine Event-ID zur jeweiligen Veranstaltung an Ihre angegebene E-Mail-Adresse. Vielen Dank.
+++ die Freischaltung des Online-Formulars zur Anmeldung für die Online-Teilnahme erfolgt Anfang Januar 2027 +++
Wir freuen uns über Ihre Teilnahme.

