Michaël Landolt / Stuttgart und Online
Der Kilianstollen bei Carspach (Elsass, Frankreich): eine Stollenanlage aus dem Ersten Weltkrieg und der Alltag deutscher Soldaten
Ein Vortrag im Rahmen unserer Vortragsreihe 2026/27 in Stuttgart: "Archäologie der Moderne".
Immer mehr Grabungen untersuchen Fundstellen aus dem 18., 19. oder 20. Jahrhundert. Die Archäologie der Moderne trägt dieser Arbeit Rechnung und erforscht den Zeitraum vom Beginn der Industrialisierung bis zur Gegenwart. Anders als in früheren Epochen gibt es zusätzlich weitere Überlieferungen. Daher werden archäologische Bodenfunde aus diesem Zeitraum in einem Zusammenspiel mit anderen materiellen Quellen sowie mit bildlichen und schriftlichen Zeugnissen, audiovisuellen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen auf ihren spezifischen Aussagewert hin analysiert.
Michaël Landolt, ist Direktor des Europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers (Centre européen du résistant déporté – CERD), einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass, Natzwiller (FR)
Zu Beginn der 1990er Jahre werden im ländlichen Raum im Zuge von Großprojekten (Bau von Autobahnen und TGV-Linie) immer häufiger großflächig vorsorgliche archäologische Grabungen durchgeführt. Im Norden und Osten Frankreichs sehen sich Archäologen in den Gebieten, wo im 1. Weltkrieg die Front verlief, mit der "Wiederentdeckung" von Überresten aus dieser Zeit konfrontiert.
In Landschaften, in denen die Spuren der Kampfhandlungen durch die erneute Kultivierung als Ackerland unmittelbar nach Kriegsende und durch eine rasante Industrialisierung sorgfältig überdeckt wurden, war diese unerwartete Konfrontation mit den Überresten einer Epoche, die damals noch nicht zum üblichen Repertoire ihrer Forschungen gehörte und über die sie wenig wussten, für Archäologen nicht spannungsfrei und ließ sie ihre Arbeit hinterfragen, denn sie waren nicht in der Lage festzustellen, welchen Stellenwert die extrem zahlreichen Funde hatten und ob sie von Interesse waren. Sie wurden beinahe als unbequem gegenüber eventuellen anderen Zivilisationen am selben Standort empfunden. Zudem gab es immer wieder Probleme durch zahlreiche Funde von noch scharfer Munition, was nicht gerade ermutigend wirkte und den ordnungsgemäßen Ablauf der archäologischen Arbeit behinderte. Erschwerend hinzu kam, dass leider regelmäßig die sterblichen Überreste von Soldaten entdeckt wurden, die nach den Kämpfen als vermisst galten, was oftmals eher persönliche Betroffenheit auslöste.
Diese besondere Art von Hinterlassenschaften schien also eher Ärgernis als interessantes Arbeitsgebiet zu sein. Zudem stellte sich die Frage, ob diese mit der Gegenwart noch so eng verbundene Zeit, die bereits umfassend dokumentiert ist, überhaupt von Archäologen bearbeitet werden musste.
Bei diesen ersten Forschungsarbeiten konnten ihre offenen Fragen konkretisiert werden, und anschließend wurden die Leitlinien für die Forschung in diesem etwas anderen und komplett neuen Spezialgebiet der Archäologie festgelegt. Es bedurfte jedoch weiterer 10 Jahre punktueller und opportunistischer Forschungen an Vorhaben, die oft genug älteren Epochen zuzuordnen waren, bis sich zwei Hauptrichtungen für die Forschung herauskristalllisierten. Genau, wie man es für frühere Epochen und Zivilisationen tut, so sollen auch in dieser Disziplin vorrangig der Alltag ebenso wie das tägliche Sterben der Kombattanten untersucht werden, da man hieraus wertvolle und neuartige Informationen zum besseren Verständnis dieses Krieges gewinnen kann. Sicherlich werden sich im Zuge neuer Forschungsarbeiten, die seit Anfang des 21. Jh. immer zahlreicher werden, neue Ansätze ergeben.(aus: → archeologie.culture.gouv.fr/archeologie1418/de).
In seinem Vortrag fokussiert sich Michaël Landolt auf den Kilianstollen in der Ortschaft Carspach (Dep. Haut-Rhin), der sich an der vordersten deutschen Frontlinie‚ die von 1914 bis 1918 quasi westlich von Altkirch verlief, befand. Es handelt sich um eine riesige unterirdische Schutzanlage‚ die Anfang 1916 parallel zu den dort verlaufenden Schützengräben mit Bergbautechniken errichtet wurde.
Veranstalter: Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg e.V. in Kooperation mit dem Landesmuseum Württemberg
Ort: Landesmuseum Württemberg, Reinhold Würth Saal, Altes Schloss - Schillerplatz 6, 70173 Stuttgart und Online
Karte/Ortsplan: zum → Veranstaltungsort in OpenStreetMap
Beginn: 18.00 Uhr
Teilnahme: kostenfrei - um eine Spende zur Kostendeckung wird gebeten (Stichwort: Vortragsreihe Stuttgart)
Hinweis: Die Veranstaltung wird als Hybrid-Veranstaltung durchgeführt. Der Präsenzvortrag wird dabei zeitgleich als Live-Stream im Internet über ClickMeeting übertragen aber nicht aufgezeichnet.
Online-Anmeldung
Falls Sie nicht in Präsenz teilnehmen können, nutzen Sie möglichst bis 1 Tag vor Beginn des Hybrid-Vortrags das nachfolgende Formular für Ihre Anmeldung. Es enthält alle 5 Vorträge der Vortragsreihe. Sie erhalten automatisch eine Eingangsbestätigung mit einem Link und ggf. eine Event-ID zur jeweiligen Veranstaltung an Ihre angegebene E-Mail-Adresse. Vielen Dank.
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